1) Einleitung

Die Frage nach der Bedeutung des Magen-Darm-Trakts für Hunger und Sättigung ist nicht einfach zu beantworten. Ein voller Magen führt nicht zwangsläufig zu einem Sättigungsgefühl und ein leerer Magen genauso wenig immer zu Hunger.

Übergewicht ist abhängig von der Veranlagung und Physiologie, aber auch eine Sache des Willens und der bewussten Entscheidung für ein bestimmtes Essverhalten. Unser Appetit wird von den Signalen des Magen-Darm-Trakts gesteuert und spielt auch eine wichtige Rolle bei der Energieaufnahme.
Der Verdauungstrakt steht in Wechselwirkung mit dem Gehirn und anderen Organen. So wirken die Reize des Darms über das Gehirn auf das Fettgewebe, welches Hormone ausschütten kann, die wiederum auf das Gehirn einwirken.
Bei einer Nahrungsaufnahme wird beispielsweise das Cholezystokinin, ein Hormon des Verdauungstrakts, freigesetzt , welches den Appetit verändern kann. Auch dem Glukagon-like-Peptide (GLP-1) und dem Peptid YY (PYY3-36) kommen besondere Bedeutungen zu. Diese beiden mittelkettigen Eiweiße werden im Dünndarm gebildet und die Ausschüttung hauptsächlich durch Kohlenhydrate oder Fette angeregt. Sie werden zur Behandlung von Diabetes eingesetzt und haben Einfluss auf die Sättigung und die Nahrungsaufnahme. Diese drei Stoffe haben Auswirkungen auf einzelne Mahlzeiten, aber keine längerfristigen Effekte.  
 

 

2) Geschmacksrezeptoren im Dünndarm

In sämtlichen Bereichen des Verdauungstrakts werden Signale für die Sättigung gebildet. Schon durch den Anblick oder Geruch einer Speise werden Botenstoffe ausgesendet, wobei ein als positiv empfundener Eindruck Hunger hervorruft. Im Mund kommen beim Verzehr nun die Geschmacksrezeptoren zur Geltung, die sich auch im gesamten Dünndarm finden lassen. Auch die Dehnung des Magens spielt eine gewisse Rolle, wobei der Effekt auf den Appetit und die Sättigung nur gering ausfällt. Wichtiger bzw. auch insgesamt am Bedeutungsvollsten sind hierbei die Signale des Dünndarms, weshalb auch ohne weiteres über einen vollen Magen hinaus weiter gegessen werden kann. Nach der Aufnahme der Nährstoffe ins Blut gibt es weitere Einflüsse, die zum Beispiel von der Leber ausgehen.


 

3) Cholezystokinin – ein physiologisches Sättigungssignal

Nahrungsbestandteile können Zeichen setzen, die eine Änderung im Sättigungsverhalten und dem Appetit auslösen. Das Cholezystokinin wird besonders durch langkettige Fettsäuren angeregt, die mehr als zwölf Kohlenstoffatome besitzen müssen. Dieses Hormon liegt im Körper in verschiedenen Formen vor und wirkt auf zwei bestimmte Rezeptoren.

In Studien konnte schon vor langer Zeit bewiesen werden, dass Versuchspersonen nach einer hohen Gabe des Cholezystokinins über eine Infusion weniger essen. Neuere Untersuchungen kamen auch für Dosen im Bereich der körpereigenen Mengen zu diesem Ergebnis. Natürlich lassen sich Erkenntnisse nicht direkt auf die Realität übertragen, da das Hormon in die Blutbahn gegeben wurde. Eindeutig fest steht aber, dass das Cholezystokinin nach der Nahrungsaufnahme von unserem Körper freigesetzt wird.

4) Bedeutung der langkettigen Fettsäuren

Es hat sich experimentell herausgestellt, dass bei Anwesenheit von Fett im Dünndarm eine vorzeitige Sättigung eintritt und die Entleerung des Magens gehemmt wird. Eine Gabe der gleichen Mengen an Fett direkt ins Blut ergab hingegen keinen Einfluss. Folglich müssen die Sättigungssignale aus dem Dünndarm stammen.

Die Nahrungsfette werden im Darm von Enzymen in langkettige Fettsäuren gespalten, die eine Ausschüttung vom Cholezystokinin bewirken. Der früher sehr beliebte Fettblocker Orlistat hemmt hingegen erwiesenermaßen die Freisetzung des Hormons und das auch bei gemeinsamer Einnahme mit Fett. Dies zeigt, dass nur langkettige Fettsäuren eine Stimulation hervorrufen können. Das gleiche gilt auch für das Peptid YY.

5) Ohne Fetthydrolyse keine CCK-Freisetzung

Bei alleiniger Verabreichung von Fett in den Dünndarm wird also weniger gegessen, aber nicht bei Kombination mit dem Orlistat. Daher scheint die Spaltung des Fetts (Fetthydrolyse) von zentraler Bedeutung für die Sättigung zu sein. Auch die Unterschiede zwischen langkettigen und mittelkettige Fettsäuren konnten in Studien nachvollzogen werden und den Zusammenhang von ausschließlich langkettigen Fettsäuren und der Ausschüttung von Cholezystokinin (CCK) belegen. Nach einer Blockierung des CCK-Rezeptors verzehrten die Probanden etwa 9 % mehr Nahrung, was auf einen Einfluss des Hormons auf den Appetit hinweist.

Ebenso wirken das Glukagon-like-Peptid und das Peptid YY, wobei GLP-1 die Verzehrmenge in Abhängigkeit von seiner Dosierung hemmt und dies auch bei Personen mit Typ-2-Diabetes.
Daraus kann man folgern, dass bei der Spaltung von Fett oder der Anwesenheit von Glukose im Dünndarm einer der drei Stoffe ins Blut abgegeben wird und das Sättigungsgefühl verstärkt und die Aufnahme von Nahrung vermindert.

6) Geschmackssensoren im Dünndarm

Der Zusammenhang von der Magendehnung und der Wirkung des Glukagon-like-Peptid wurde mittels eines 400 mL-Eiweißshakes in Kombination mit der Gabe des Peptids bewiesen. Die Dehnung verstärkte die Effekte des GLP-1 erheblich, also müssen die Signale des Darms mit denen des Magens in Verbindung miteinander stehen.

Auch das Peptid YY wird vor allem durch Fette freigesetzt, wobei die Größe der Mahlzeit die Menge beeinflusst. Bei einer hohen Verabreichung in die Blutbahn führt das PYY zu einer geringeren Nahrungs- und Energieaufnahme. Ob dies durch eine physiologische Wirkung oder ein Zusammenspiel mit anderen Signalen zustanden kommt, ist noch strittig.
7) Zusammenfassung

Die aufgenommene Nahrung gelangt portionsweise in den Dünndarm, wo ihre Bestandteile die Freisetzung von CCK, GLP-1 und PYY bewirken. Die dadurch ausgelösten Signale beeinflussen den Appetit.

Im Darm befinden sich Geschmacksrezeptoren für bittere, salzige, süße und saure Stoffe, durch die erkannt werden kann, welche Nährstoffe sich im Verdauungstrakt befinden. Die gewonnen Informationen werden an das Gehirn übermittelt und die Sättigung und der Appetit werden verändert. Somit hat die Zusammensetzung der Mahlzeit auch einen Einfluss auf die Energiebilanz. 
 

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Quelle:

Ernährungsforum des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit e.V.

Schriftleitung: G. Wolfram

Herausgeber: W. Druml, R. Meier, A. Weimann

Des Heißhungers Zähmung“

Mechanismen von Hunger und Sättigung und deren Bedeutung für die praktische Ernährung

26. und 27. Juni 2008

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Sonderdruck der „Aktuellen Ernährungsmedizin“

Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart – New York