Von J. Hebebrand der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rheinische Kliniken Essen


1) Einleitung

Das Essverhalten wird auch durch psychologische Vorgänge beeinflusst. Faktoren wie Stress, Anspannung, Langeweile, Ärger oder Alkohol haben Auswirkungen auf die Nahrungsaufnahme und somit auch auf das Körpergewicht. Die Effekte der Psyche auf das Essverhalten sind kurzfristig und individuell verschieden.


2) Stigmatisierung und Diskriminierung

Übergewichtige Menschen sind oftmals einer Stigmatisierung (Vorverurteilung) und Diskriminierung ausgesetzt, die in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugenommen hat. Inzwischen spricht man hierbei schon vom „neuen Rassismus“. Die Ausgrenzung beginnt meistens bereits im Kindergarten und zieht sich durch den gesamten Lebenslauf. Benachteiligungen gibt es in der Schule, bei Bewerbungen, in der Ausbildung, dem Beruf und bei der Partnersuche. Einige übergewichtige Kinder werden sogar von den eigenen Eltern herabgesetzt.

Studien kamen zu dem Ergebnis, dass übergewichtige Mädchen während ihres Studiums weniger finanzielle Unterstützung erhielten als die Normalgewichtigen, obwohl sie den gleichen sozioökonomischen Status aufwiesen. Auch die Wahrnehmung von adipösen Personen wurde untersucht. Das Ansehen hat sich offensichtlich seit 1979 stark verschlechtert und Übergewicht wird kaum noch mit positiven Charaktereigenschaften in Verbindung gebracht.

3) Soziale Folgen der Adipositas

In einer siebenjährigen Studie mit etwa 10.000 Probanden wurde festgestellt, dass übergewichtige Männer zu elf Prozent und Frauen zu zwanzig Prozent seltener verheiratet waren, als die chronisch kranken Personen der Kontrollgruppe. Der Schulunterricht viel um 0,3 Jahre und das Jahreseinkommen um 6700 $ geringer aus, die Armutsrate war um zehn Prozent erhöht. Es gab keinen Zusammenhang mit dem Intelligenzquotienten oder dem sozialen Ausgangsstatus. Die Kontrollgruppe unterschied sich trotz der chronischen Erkrankungen nicht vom Bevölkerungsschnitt. Diese Ergebnisse zeigen deutlich in welch hohem Maße die Diskriminierung von Adipösen stattfindet.

 

4) Die Lebensqualität

Untersuchungen zur Lebensqualität wurden hauptsächlich mit extrem adipösen Menschen durchgeführt und können daher nicht unbedingt auf alle Übergewichtigen übertragen werden.

Bei einer Studie mit Kindern und Jugendlichen empfanden diese ihre Lebensqualität als genauso stark beeinträchtigt, wie dies bei krebskranken Kindern der Fall war. In einer neueren Erhebung mit leicht Adipösen konnte nur ein geringer Unterschied bei der Lebensqualität im Vergleich zu Normalgewichtigen festgestellt werden.
Entscheiden für die Bewertung der Lebensqualität ist die eigene Einschätzung des Gewichts und der Grad der Zufriedenheit damit. Dies ist unabhängig davon, ob tatsächlich Übergewicht vorliegt.

5) Adipositas und psychiatrische Störungen

Die Studienergebnisse zum Zusammenhang von Adipositas und psychiatrischen Störungen fallen sehr uneinheitlich aus. In der größten Studien mit 9000 Probanden wurde ermittelt, dass adipöse Menschen häufiger an Depressionen, bipolaren Störungen und Angststörungen litten. Dafür traten Substanzmissbrauch und -abhängigkeit seltener auf. Daraus folgerten Überlegungen, dass Übergewichtige ihr Belohnungssystem durch das Essen anregen und Normalgewichtige dies eher durch andere Stoffe (z.B. Drogen, Alkohol) tun. Insgesamt ergab sich aber kein sehr starker Unterschied zwischen den Gruppen.

Anders fielen die Untersuchungen an extrem adipösen Jugendlichen aus, bei denen ein wesentlich höheres Auftreten von psychiatrischen Erkrankungen festgestellt wurde. Die Gruppe mit weniger stark Adipösen wies keinem Unterschied zu den Normalgewichtigen auf.
Psychiatrische Störungen scheinen also bezogen auf die Allgemeinbevölkerung nicht mit Übergewicht zusammen zu hängen. Bei extrem Übergewichtigen ist ein Erhöhtes auftreten aber nicht auszuschließen.

6) Kummerspeck wissenschaftlich bestätigt

Zwischen Adipositas und Depressionen besteht eine erwiesene Verbindung. Kinder und Jugendliche mit depressiven Verstimmungen nehmen später mehr Gewicht zu und entwickeln öfter Übergewicht. Hierbei könnte sogar eine direkte Abhängigkeit bestehen, da die Dauer der Depressionen bei den Heranwachsenden eine Vorhersage für den BMI im Erwachsenenalter zuließ. Das Gewicht war umso höher, je länger die Depressionsphase andauerte.


7) Adipositas schützt vor Suizid

In einer Studie an 1,3 Millionen Männern konnte festgestellt werden, dass sich das Selbstmordrisiko für jeden BMI-Anstieg von 5 kg/m2 um fünfzehn Prozent verringerte. Je höher das durchschnittliche Übergewicht einer Gruppe war, desto geringer war die Häufigkeit an Selbstmorden. Auch mehrere andere Untersuchungen bestätigten dieses Ergebnis.

Adipositas kann also als ein Schutzfaktor für Suizid angesehen werden.

8) Diätverhalten bei adipösen Jugendlichen

Während stationärer Therapien können adipöse Kinder ihr Gewicht erfolgreich senken. Nach dem Verlassen der Klinik nahmen alle Kinder wieder zu. Manche überschritten das Gewicht von vor der Therapie nach einem Jahr deutlich, aber ein anderer Teil konnte das Körpergewicht unter dem Ausgangswert halten. Scheinbar kann eine Behandlung unter Umständen mehr schaden als nutzen.

Bei Jugendlichen mit Diätverhalten wurde festgestellt, dass sie stärker zunehmen als gleich schwere Altersgenossen ohne Diät. Sie haben auch häufiger Essanfälle und entwickeln verstärkt Gegenmaßnahmen, wie Erbrechen, Fasten oder einen Konsum von Diätpillen. Das Selbstwertgefühl ist niedriger und Depressionen und Selbstmordgedanken treten öfter auf. Selbst Alkohol- und Drogenkonsum findet vermehrt statt.
Diese Erkenntnisse werfen die Frage auf, ob eine Adipositastherapie bei Heranwachsenden wirklich sinnvoll sein kann.

9) Zusammenfassung

In der heutigen Zeit ist die Diskriminierung und Stigmatisierung von adipösen Menschen so hoch wie nie. Übergewichtige erfahren soziale Nachteile im beruflichen und sozialen Leben. Ob auch die Lebensqualität beeinträchtigt wird, hängt vom Selbstbild und nicht vom tatsächlichen Gewicht ab. Nur bei extrem Adipösen lässt sich ein häufigeres Auftreten von psychiatrischen Erkrankungen feststellen. Depressionen haben aber erwiesenermaßen einen Einfluss auf den Gewichtsverlauf, wobei die Zunahme mit der Dauer der Krankheit steigt. Adipöse Jugendliche mit Diätverhalten sind wesentlich anfälliger für psychiatrische Störungen, als Heranwachsende ohne Diätverhalten.

 

 

Quelle:

Ernährungsforum des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit e.V.

Schriftleitung: G. Wolfram

Herausgeber: W. Druml, R. Meier, A. Weimann

Des Heißhungers Zähmung“

Mechanismen von Hunger und Sättigung und deren Bedeutung für die praktische Ernährung

26. und 27. Juni 2008

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Sonderdruck der „Aktuellen Ernährungsmedizin“

Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart – New York