Zusammenhänge zwischen Psyche und Essverhalten
Von J. Hebebrand der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Rheinische Kliniken Essen
1) Einleitung
Das Essverhalten wird auch durch psychologische Vorgänge beeinflusst. Faktoren wie Stress, Anspannung, Langeweile, Ärger oder Alkohol haben Auswirkungen auf die Nahrungsaufnahme und somit auch auf das Körpergewicht. Die Effekte der Psyche auf das Essverhalten sind kurzfristig und individuell verschieden.
2) Stigmatisierung und Diskriminierung
Übergewichtige Menschen sind oftmals einer Stigmatisierung (Vorverurteilung) und Diskriminierung ausgesetzt, die in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugenommen hat. Inzwischen spricht man hierbei schon vom „neuen Rassismus“. Die Ausgrenzung beginnt meistens bereits im Kindergarten und zieht sich durch den gesamten Lebenslauf. Benachteiligungen gibt es in der Schule, bei Bewerbungen, in der Ausbildung, dem Beruf und bei der Partnersuche. Einige übergewichtige Kinder werden sogar von den eigenen Eltern herabgesetzt.
3) Soziale Folgen der Adipositas
In einer siebenjährigen Studie mit etwa 10.000 Probanden wurde festgestellt, dass übergewichtige Männer zu elf Prozent und Frauen zu zwanzig Prozent seltener verheiratet waren, als die chronisch kranken Personen der Kontrollgruppe. Der Schulunterricht viel um 0,3 Jahre und das Jahreseinkommen um 6700 $ geringer aus, die Armutsrate war um zehn Prozent erhöht. Es gab keinen Zusammenhang mit dem Intelligenzquotienten oder dem sozialen Ausgangsstatus. Die Kontrollgruppe unterschied sich trotz der chronischen Erkrankungen nicht vom Bevölkerungsschnitt. Diese Ergebnisse zeigen deutlich in welch hohem Maße die Diskriminierung von Adipösen stattfindet.
4) Die Lebensqualität
Untersuchungen zur Lebensqualität wurden hauptsächlich mit extrem adipösen Menschen durchgeführt und können daher nicht unbedingt auf alle Übergewichtigen übertragen werden.
5) Adipositas und psychiatrische Störungen
Die Studienergebnisse zum Zusammenhang von Adipositas und psychiatrischen Störungen fallen sehr uneinheitlich aus. In der größten Studien mit 9000 Probanden wurde ermittelt, dass adipöse Menschen häufiger an Depressionen, bipolaren Störungen und Angststörungen litten. Dafür traten Substanzmissbrauch und -abhängigkeit seltener auf. Daraus folgerten Überlegungen, dass Übergewichtige ihr Belohnungssystem durch das Essen anregen und Normalgewichtige dies eher durch andere Stoffe (z.B. Drogen, Alkohol) tun. Insgesamt ergab sich aber kein sehr starker Unterschied zwischen den Gruppen.
6) Kummerspeck wissenschaftlich bestätigt
Zwischen Adipositas und Depressionen besteht eine erwiesene Verbindung. Kinder und Jugendliche mit depressiven Verstimmungen nehmen später mehr Gewicht zu und entwickeln öfter Übergewicht. Hierbei könnte sogar eine direkte Abhängigkeit bestehen, da die Dauer der Depressionen bei den Heranwachsenden eine Vorhersage für den BMI im Erwachsenenalter zuließ. Das Gewicht war umso höher, je länger die Depressionsphase andauerte.
7) Adipositas schützt vor Suizid
In einer Studie an 1,3 Millionen Männern konnte festgestellt werden, dass sich das Selbstmordrisiko für jeden BMI-Anstieg von 5 kg/m2 um fünfzehn Prozent verringerte. Je höher das durchschnittliche Übergewicht einer Gruppe war, desto geringer war die Häufigkeit an Selbstmorden. Auch mehrere andere Untersuchungen bestätigten dieses Ergebnis.
8) Diätverhalten bei adipösen Jugendlichen
Während stationärer Therapien können adipöse Kinder ihr Gewicht erfolgreich senken. Nach dem Verlassen der Klinik nahmen alle Kinder wieder zu. Manche überschritten das Gewicht von vor der Therapie nach einem Jahr deutlich, aber ein anderer Teil konnte das Körpergewicht unter dem Ausgangswert halten. Scheinbar kann eine Behandlung unter Umständen mehr schaden als nutzen.
9) Zusammenfassung
Quelle:
Ernährungsforum des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit e.V.
Schriftleitung: G. Wolfram
Herausgeber: W. Druml, R. Meier, A. Weimann
„Des Heißhungers Zähmung“
Mechanismen von Hunger und Sättigung und deren Bedeutung für die praktische Ernährung
26. und 27. Juni 2008
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
Sonderdruck der „Aktuellen Ernährungsmedizin“
Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart – New York
