Von V. Schusdziarra des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin, Klinikum Rechts der Isar, München 

1) Einleitung

Liegt ein leerer Magen vor, so ist das Hungergefühl ausgeprägt und das Sättigungsgefühl sehr gering. Nehmen wir eine Mahlzeit zu uns, erreicht das Sättigungsgefühl nach dreißig bis vierzig Minuten seinen Höhepunkt und geht anschließend langsam wieder zurück. Mit dem Hunger verhält sich hier genau andersherum. Zum Eintritt der maximalen Sättigung ist noch ungefähr neunzig Prozent der Nahrung im Magen, womit die Magenfüllung bzw. die damit verbundene Dehnung einen Einfluss auf das Sättigungsgefühl haben muss.

Der Reiz der Magendehnung wird an das Gehirn weitergeleitet, genauer gesagt zum Hypothalamus, der daraufhin Botenstoffe freisetzt, die eine Sättigung signalisieren. Unter diesen Botenstoffen befindet sich eine Form des Cholezystokinins, dessen Ausschüttung im Gehirn auch genauso stark ist, wenn das gleiche Volumen ohne Nährstoffe in den Magen gelangt. Für die Auslösung eines Hungergefühls steht das Hormon Ghrelin zur Debatte. Es wird im Magen freigesetzt und könnte eine Wirkung auf das Gehirn haben, was aber noch nicht bewiesen werden konnte. Allerdings gibt es Hinweise auf solch einen Einfluss, da Patienten nach der Entfernung eines Teils des Magens kein Hunger- und Sättigungsgefühl mehr besitzen. Sie verloren stark an Gewicht, wenn sie sich nicht angewöhnten nach der Uhr zu essen.
 

2) Kalorienzufuhr steigt mit der Energiedichte

Das Körpergewicht ist abhängig von der aufgenommenen Kalorienmenge. Wird Nahrung mit einer großen Energiedichte aufgenommen, nimmt man bis zum Eintritt der Sättigung mehr Kalorien zu sich als bei Speisen mit geringer Energiedichte. Das Volumen der Nahrungsmittel und somit auch die Magendehnung haben also einen Einfluss auf das Sättigungsgefühl.

Neben den Unterschieden in der Kalorienaufnahme je nach Energiedichte konnte in Studien auch festgestellt werden, dass bei adipösen Personen starke Schwankungen in den Tagesbilanzen auftreten. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Kalorienmengen nicht richtig eingeschätzt werden konnten. Die Schwankungen hingen zu fünfundsechzig Prozent von einer Steigerung der Nahrungsmenge und zu fünfunddreißig Prozent von der Energiedichte der Speisen ab.
3) Problematische Zwischenmahlzeiten

Eine Steigerung der verzehrten Nahrungsmenge hängt oftmals stark von der Anzahl der Zwischenmahlzeiten ab. Scheinbar wird die zusätzliche Energie nicht richtig wahrgenommen und die Probanden nehmen bei den folgenden Mahlzeiten genauso viel zu sich, wie die Gruppe ohne Zwischenmahlzeiten. Somit kommen die Kalorien noch hinzu und werden nicht durch ein geringeres Hungergefühl ausgeglichen.

Neben dem weit verbreiteten Bewegungsmangel in unserer Gesellschaft hat auch unsere Wahrnehmung einen großen Einfluss auf das Essverhalten. Hier spielen das Wissen über die Ernährung und Sinneseindrücke, wie Gerüche, gewohnter Geschmack und der Anblick von Speisen (z.B. Werbung, Waren im Supermarkt) eine wesentliche Rolle für unsere Nahrungsmittelauswahl. Eine zu hohe Energieaufnahme wird also durch die Veränderungen der Umwelt ausgelöst und weniger durch eine Änderung der körpereigenen Regulationen. Die Umwelt hat sich dahingehend gewandelt, dass viele Lebensmittel mit hoher Energiedichte angeboten werden. Auch kalorienhaltige Getränke sind weit verbreitet und diese bewirken nur eine äußerst geringe Magendehnung, wodurch sie nicht sonderlich satt machen. Zudem tragen die große Auswahl an verschiedenen Lebensmitteln und häufige zusätzliche Mahlzeiten zu einer Erhöhung der Kalorienaufnahme bei.
 

4) Analyse konservativer Ernährungstherapie

Durch eine Metaanalyse (Auswertung der Ergebnisse mehrerer Studien) konnte festgestellt werden, dass Diäten mit einem großen Kaloriendefizit und kalorienreduzierte Mischkost zwar zu einem Gewichtsverlust führten, aber die Patienten nach einem Jahr wieder deutlich an Gewicht zunahmen.

Die Aussagekraft dieser Analyse wird allerdings durch die stark abnehmende Probandenzahlen im Laufe der Studie abgeschwächt.

5) Energiedichte senken

Eine Ernährungstherapie nach dem Grundsatz der geringen Energiedichte bietet den Vorteil, dass die Ernährung dauerhaft umgestellt wird, eine zeitliche Begrenzung nicht notwendig ist und auch die Umwelteinflüsse mitberücksichtigt werden. Dies scheint ein Vorteil gegenüber Diätformen, wie LowCarb, LowFat oder hoher Kaloriendefizite ohne Umstellung des Essverhaltens zu sein. Individuelle Ernährungsgewohnheiten können bei diesem Konzept beibehalten werden und Änderungen erfolgen nur in kleinen Schritten. Basis bilden dafür Ernährungsprotokolle über drei bis vier Wochen und im Anschluss folgt eine Modulation einzelner Mahlzeiten. Angestrebt wird eine Aufnahme der gleichen Nahrungsmenge bei einer geringeren Kalorienzufuhr, was über die Nahrungsmittel mit niedriger Energiedichte erreicht werden kann.

6) Zu hohe Energiedichte schon beim Frühstück

Studien haben ergeben, dass bei übergewichtigen Personen oft schon zum Frühstück eine sehr hohe Energiedichte bei den bevorzugten Lebensmitteln vorliegt. Häufig wurden Brot mit Butter und Wurst oder Käse verzehrt, die bei kleinem Volumen schon sehr energiereich sind.Daher wird empfohlen nur eine dünne Scheibe Brot ohne Butter und dafür mit mehr Schinken zu essen, da diese Kombination gut sättigt und weniger Kalorien hat. Anstatt Käse zu nehmen, ist Quark eine gute Alternative und Müsli sollte man besser durch Haferflocken mit frischem Obst ersetzen. So muss die verzehrte Menge nicht reduziert werden und die Kalorienaufnahme sinkt trotzdem leicht. Schon durch solche geringen Änderungen kann man bei dauerhafter Umsetzung im Jahr mehrere Kilo an Fett verlieren.


7) Naturprodukte zum Mittagessen

Zu den Hauptmahlzeiten sollten möglichst unverarbeitete Produkte, wie Fleisch, Fisch und Gemüse verzehrt werden. Sie besitzen eine viel geringere Energiedichte, als ihre verarbeiteten Varianten, die mitunter bei gleicher Menge das dreifache an Kalorien beinhalten. Auch bei den Zwischenmahlzeiten sollte auf die Energiedichte geachtet werden.

Die Auswahl der Lebensmittel kann am persönlichen Geschmack orientiert werden und die Einschränkungen sollten nicht zu groß ausfallen. Statt Schokolade kann man beispielsweise auch zu einem Schokoladenpudding greifen, von denen es inzwischen einige mit sehr geringer Energiedichte auf dem Markt gibt. Auch ein Ersatz der Verzehrmenge von Erdnüssen durch die gewichtsmäßig gleiche Menge an Salzstangen spart einige Kalorien ein. Kalorienhaltige Getränke sollten vermieden oder wenigstens verdünnt werden.
 

8) Gute Ergebnisse

Das Konzept der Energiedichte wurde bereits erfolgreich eingesetzt. Bei adipösen Patienten wurde neben dem Gewichtsverlust während der Therapie auch eine Fortsetzung der Reduktion im späteren Alltag festgestellt. Vor allem profitierten Diabetiker durch diese Ernährungsform.

Nach der Ernährungsumstellung wurden weniger Fett und Kohlenhydrate aufgenommen, während sich beim Protein und bei den Ballaststoffen keine Veränderungen ergaben. Auch die Kosten für Lebensmittel vielen insgesamt geringer aus.
 

9) Zusammenfassung

Hunger und Sättigung werden kurzfristig durch den Magen und den Hypothalamus gesteuert. Entscheidend ist hier die Dehnung und die Magenfüllung und somit das Volumen der Nahrung. Für eine überhöhte Kalorienaufnahme sind hauptsächlich eine große Energiedichte der Nahrungsmittel, flüssige Kalorien, eine große Auswahl und häufige Mahlzeiten verantwortlich.

Durch die klassischen Adipositastherapien wird kein dauerhafte Erfolg erreicht. Die langfristige Umstellung der Ernährung auf weniger energiedichte Nahrungsmittel, unter Berücksichtigung der persönlichen Essgewohnheiten, scheint die wirkungsvollere Methode für eine langfristig Gewichtsreduktion zu sein.

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Quelle:

Ernährungsforum des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit e.V.

Schriftleitung: G. Wolfram

Herausgeber: W. Druml, R. Meier, A. Weimann

Des Heißhungers Zähmung“

Mechanismen von Hunger und Sättigung und deren Bedeutung für die praktische Ernährung

26. und 27. Juni 2008

Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Sonderdruck der „Aktuellen Ernährungsmedizin“

Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart – New York