Von A. Grüters-Kieslich der Klinik für Pädiatrie, Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Otto-Heubner-Centrum für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Charité, Berlin


1) Einleitung

In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl an übergewichtigen Kindern und Jugendlichen stark gestiegen. Im Vergleich zu 1985 sind heute viermal so viele Kinder adipös. Auch die Folgeerkrankungen haben zugenommen und eine Fettleber, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes sind auch bei jungen Leuten immer weiter verbreitet. Mit steigendem Gewicht nehmen auch die psychischen Probleme zu, da die Kinder oft diskriminiert werden und ihre Lebensqualität als sehr schlecht empfinden.

Inzwischen entwickeln etwa fünfzehn bis zwanzig Prozent der Heranwachsenden eine Adipositas, obwohl sich der Lebensstil nicht grundlegend von dem der Normalgewichtigen unterscheidet. Daher ist ein Einfluss der Genetik sehr wahrscheinlich.
 

2) Störungen der Appetitregulation

Die kindermedizinische Praxis zeigt, dass bei den Kindern meist ein Problem bei der Appetitregulation vorliegt und viel seltener beim Stoffwechsel. Oftmals liegt eine Störung im Zusammenhang mit dem Hypothalamus vor, der das Hunger- und Sättigungszentrum beinhaltet. Dies lässt sich auch an einigen genetischen Krankheiten des Hypothalamus´ erkennen, bei denen die Patienten ein ständiges, unstillbares Hungergefühl aufweisen. Als Ursache dieser Erkrankungen wurden inzwischen bestimmte Gene identifiziert, die scheinbar für die Steuerung des Appetits verantwortlich sind.


3) Immer hungrig bei Leptinmangel

Das Hormon Leptin wirkt auf den Hypothalamus und ist wesentlich an der Regulation von Hunger und Sättigung beteiligt. Liegt ein Defekt des Leptingens vor, entwickeln Kinder schon sehr früh eine ausgeprägte Adipositas. Ein Leptinmangel führt durch eine Anregung bestimmter Gehirnregionen zu einer Steigerung des Appetits, aber auch eine Mutation der Leptinrezeptoren kann das Übergewicht auslösen.

 

4) POMC-Mangel: rothaarig und adipös

Das Proopiomelanokortin (POMC) ist ein Hormon des Hypothalamus und der Hypophyse. Dieses steht in Wechselwirkung mit vielen anderen Hormonen und Neuropeptiden. Ein Mangel an POMC lässt den Patienten über verschiedene Mechanismen rothaarig und adipös werden. Die Betroffenen berichten in diesem Zusammenhang von ständigem Hunger, von dem sie sich auch nicht ablenken können.


5) Häufig: Mutationen im MC4-Rezeptor

Der MC4-Rezeptor wird von verschiedenen Typen des Hormons Melanotropin angeregt. Bei einer Mutation im Hormon oder Rezeptor kommt es zu einer starken Adipositas im Kindesalter. Dieser Defekt ist relativ weit verbreitet und kann bei ungefähr ein bis fünf Prozent der Personen nachgewiesen werden, die schon sehr früh eine Adipositas entwickelten. Hierbei tritt ein ununterbrochenes Hungergefühl auf, allerdings werden nicht alle Betroffene übergewichtig.

Einen weiteren Hinweis auf den genetischen Einfluss bei Übergewicht liefert die Tatsache, dass Menschen mit angeborenen geistigen Behinderungen sehr häufig adipös sind.

6) Welche Gene regulieren den Appetit?

Da nicht jede genetische Störung bei Kindern eine Adipositas verursacht, müssen ganz bestimmte Gene für die Ausbildung der Appetitregulation verantwortlich sein.

Auf dem Chromosom 16 wurde ein Bereich gefunden, der sich in seinem Aufbau bei normalgewichtigen und übergewichtigen Menschen unterscheidet. Auch noch ein weiteres Gen, das wahrscheinlich die MC4-Rezeptor-Bildung steuert, steht im Zusammenhang mit der Adipositas.
Diese Forschungsergebnisse und erste Studien in diese Richtung stützen die Theorie, dass die Genetik einen großen Einflussfaktor bei der Entstehung von Übergewicht darstellt.

7) Zusammenfassung

Die Häufigkeit von Adipositas bei Kindern hat in den Industrieländern stark zugenommen. Trotz gleicher Lebensbedingungen betrifft dies aber immer noch die Minderheit, was für eine Mitwirkung der Genetik spricht. Bei übergewichtigen Heranwachsenden liegt in den meisten Fällen ein gestörtes Sättigungsgefühl vor, wie es auch bei bestimmten Erkrankungen des Hypothalamus auftritt. Ursachen können unter anderem Mutationen des Leptingens oder

Leptinrezeptors, des POMC oder MC4-Rezeptors sein. Die Folgen sind eine fehlerhafte Steuerung des Appetits und ein frühes Auftreten der Adipositas. Es kommt zu einer gesteigerten Nahrungsaufnahme, aber eine Erhöhung des Grundumsatzes bleibt aus.
Adipositas wurde bisher mit zwei veränderten Regionen in den Genen eindeutig in Verbindung gebracht.