Hormone als Boten des Fetts zur langfristigen Modulation von Hunger und Sättigung
Von T. A. Lutz des Instituts für Veterinärphysiologie, Universität Zürich
1) Einleitung
Zur Steuerung der Nahrungsaufnahme gibt es die lipostatische Hypothese. Diese besagt, dass der Körper eine bestimmte Fettmenge und ein gewisses Körpergewicht erreichen bzw. erhalten will. Verändert man den Körperfettanteil oder das Gewicht, werden Signale an das Gehirn geleitet. Dadurch wird die Nahrungsaufnahme und die Energieabgabe so beeinflusst, dass unsere Ausgangslage wieder gegeben ist. Zwar ist es möglich an Gewicht ab- oder zuzunehmen, aber nach Beendigung des Defizits startet der Körper mit einer Gegenregulation und der alte Zustand wird bald wieder erreicht. Es existieren Signale, die das Gehirn über die Größe der Energiespeicher informieren, die als adiposity signals bezeichnet werden. Die zur Zeit bekannten adiposity signals sind Insulin, Leptin und Amylin. Sie wirken zusammen mit vielen weiteren Faktoren auf den Hunger und die Sättigung. Bisher sind die genauen Mechanismen und das reale Vorhandensein eines gespeicherten Zielgewichts noch nicht belegt.
2) Die Adiposity signals
Unser Fettgewebe ist nicht nur ein Energiespeicher, sondern setzt auch viele Hormone und hormonell aktive Substanzen frei. Unter anderem kommt das Leptin direkt aus dem Körperfett. Insulin und Amylin werden in der Bauspeicheldrüse gebildet und abhängig von Fettanteil ausgeschüttet. Sie übermitteln dem Gehirn die Informationen über die Masse an Körperfett.
Leptin
Das Leptin wird in den Fettgewebszellen (Adipozyten) gebildet und die Ausschüttung sowie die hergestellte Menge hängt offenbar direkt von der Menge der Fettzellen ab. Insulin regt die Abgabe von Leptin aus den Zellen an. Leptin kann unter bestimmten Umständen die Nahrungsaufnahme vermindern und die Energieabgabe steigern.
Insulin
Bei Übergewicht liegt auch eine gewisse Insulinunempfindlichkeit vor und der Blutspiegel des Insulins hängt direkt mit der Fettgewebsmenge zusammen. Dadurch wird dem Gehirn signalisiert, wie es um die Energiespeicher steht. Adipöse Personen weisen außerdem eine stark erhöhte Insulinausschüttung auf. Im Gegensatz dazu haben sie aber keinen veränderten Blutzuckerspiegel, insofern sie nicht an Diabetes erkrankt sind.
Amylin
Amylin ist ein weiteres Hormon der Bauchspeicheldrüse und wird immer gemeinsam mit Insulin ausgeschüttet. Die Eigenschaften des Amylins gleichen denen des Leptins und Insulins. Die Blutkonzentration hängt mit der Größe der Fettspeicher zusammen, es hemmt die Nahrungsaufnahme und erhöht die Energieabgabe. Werden die Amylinrezeptoren blockiert, steigen die Verzehrmenge und das Körpergewicht stark an. Die Gewichtszunahme kommt nur durch mehr Körperfett zustande, wohingegen die fettfreie Masse sich nicht verändert.
3) Adiposity signals verstärken die Wirkung von Sättigungssignalen
Vermutlich wirken die adiposity signals über eine Verstärkung der die Nahrungsaufnahme vermindernden Sättigungssignale, wie beispielsweise das Cholezystokinin (CCK). Diese Sättigungssignale regulieren in erster Linie die Größe von einzelnen Mahlzeiten. Insulin und auch Leptin bewirken unter anderem eine gesteigerte Empfindlichkeit für CCK im Gehirn und verstärken damit eine Verzehrshemmung. Ebenso soll das Amylin den Sättigungseffekt des CCKs verändern. Die adiposity signals stehen auch in Wechselwirkung miteinander und haben in Kombination wesentlich größere Effekte auf die Sättigung als alleine.

Trotz der Regelmechanismen, wie den adiposity signals, stellt Übergewicht ein immer weiter zunehmendes Problem dar. Dies kann zum Teil durch die Entwicklung einer Leptinresistenz (Unempfindlichkeit für Leptin) erklärt werden. Die Leptinwerte sind bei übergewichtigen Personen zwar erhöht, doch der Körper kann nicht mehr darauf reagieren. Eine Leptinresistenz tritt bei sehr vielen Übergewichtigen auf, aber die genauen Gründe sind teilweise noch unbekannt.
5) Leptin, Insulin und Fortpflanzung
Die Signale über die Körperfettreserven werden vom Gehirn nicht nur zur Gewichtsregulation weiterverarbeitet. Auch das Immunsystem und die Fortpflanzung werden dadurch zum Beispiel beeinflusst. Erklärungen liefert die „critical weight“- bzw. „critical level of fatness“-Hypothese. Sie geht davon aus, dass zur Fortpflanzung ausreichende Energiereserven vorhanden sein müssen. Dies ist nicht unwahrscheinlich, da eine Schwangerschaft und die Milchproduktion sehr viel Energie verbrauchen. Aktuell werden hierbei Leptin und Insulin als die wichtigen Signale angesehen, da sie das Gehirn über die vorhandene Fettmenge informieren. Der Mensch benötigt also einen ausreichend hohen Insulin- und Leptinspiegel um sich vermehren zu können.
6) Zusammenfassung
Leptin, Insulin und Amylin werden als adiposity signals bezeichnet und setzen das Gehirn über die Größe der Körperfettspeicher in Kenntnis. Leptin wird im Fettgewebe gebildet und abhängig von den Fettdepots freigesetzt; Insulin und Amylin entstehen in der Bauchspeicheldrüse. Diese drei Hormone verringern die Nahrungsaufnahme und beeinflussen die Energieabgabe des Körpers. Teilweise entfalten sie ihre Wirkung durch die Verstärkung von Sättigungssignalen.
