Von N. Geary des Departements Agrar- und Lebensmittelwissenschaften, Gruppe Physiologie und Verhalten, ETH Zürich
1) Einleitung
Hunger und Sättigung werden auch durch sekundäre physiologische Vorgänge bestimmt, die in der Praxis beachtet werden sollten. Drei wichtige Faktoren sind hier das Geschlecht, das Alter und Krankheiten. Diese üben eine spezielle Wirkung auf die Nahrungsaufnahme aus.
2) Appetit bei Männern und Frauen
Ursprünglich sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf die Chromosomen zurückzuführen. Für das verschiedene Essverhalten sind hauptsächlich die Hormone verantwortlich. Die Ausschüttung der Hormone aus den Drüsen wird vom Gehirn und der Hypophyse gesteuert. Das Testosteron wird im Erwachsenenalter relativ gleichmäßig freigesetzt, während dies bei den Östrogenen (v.a. Östradiol) und dem Progesteron in Phasen erfolgt. Diese drei Hormone sind bei der Ernährung von besonderer Bedeutung, da sie die Nahrungsaufnahme und den Stoffwechsel der Nährstoffe beeinflussen.
Bei Männern und Frauen liegt eine deutlich andere Fettverteilung vor. Männer speichern die überschüssige Energie vor allem in der Bauchregion, wo eine gute Durchblutung herrscht. Dadurch ist dieses Fett sehr stoffwechselaktiv und fördert die Entwicklung einer Insulinresistenz, wenn es im Übermaß vorliegt. Frauen bekommen die Fettpolster dagegen eher im Hüftbereich, wo es wesentlich weniger Einfluss auf den Stoffwechsel nimmt. Bei Frauen vorzugsweise südafrikanischer Herkunft gibt es noch eine Fettverteilung, bei der vor allem das Gesäß betroffen ist.
An Hormontherapien bei Transsexuellen und Frauen nach der Menopause konnte eindeutig beobachtet werden, dass die Hormone die Fettverteilung prägen. Die Verteilung soll wiederum auf die Nahrungsaufnahme wirken, was vermutlich durch eine Veränderte Produktion von Leptin und Insulin ausgelöst wird. Außerdem konnte bewiesen werden, dass Östradiol die Wirkung von Leptin verstärkt.
Durch die Geschlechtshormone ändert sich auch die Nahrungsaufnahme bei Frauen während des Zyklus´. In der Follikelphase nimmt die Energiezufuhr ab und sinkt weiter bis zur Ovulation, danach kommt es wieder zu einem Anstieg. Bei der größten Konzentration von Östradiol im Blut wird also die geringste Nahrungsmenge verzehrt. Diese Wirkung des Hormons kommt durch eine Verstärkung des Sättigungseffekts von Cholezystokinin zustande. Daneben soll Östradiol auch das Hunger auslösende Hormon Ghrelin abschwächen.
Bei Männern bleibt die Energieaufnahme über die Zeit hinweg dagegen relativ gleichmäßig.
3) Appetit bei älteren Menschen
Der Alterungsprozess bringt einige physiologische Veränderungen mit sich, durch die auch die Nahrungsaufnahme verändert wird. Zwischen dem zwanzigsten und dem dreißigsten bis vierzigsten Lebensjahr sind die Energiezufuhr und das Gewicht relativ gleichbleibend. Anschließend steigen das Gewicht und die Aufnahme von Energie an, die die Energieabgabe nun übersteigt. Ab etwa siebzig Jahren nimmt das Körpergewicht dann wieder ab, da zwar die Energieabgabe sinkt, aber die Aufnahme sich gleichzeitig sehr stark reduziert. Man spricht hier von einer Altersanorexie, also von einer altersbedingten Appetitlosigkeit.
Ältere Menschen essen meist langsamer, kleinere Portionen und weniger Zwischenmahlzeiten, was häufig zu einer Mangelversorgung mit bestimmten Nährstoffen führt. Selbst in den Industrieländern leiden circa sechzig Prozent der älteren Patienten in Krankenhäusern oder Pflegeheimen an einer Unterversorgung mit Energie und Proteinen.
Eine weit verbreitete Ursache für die Mängel ist der fehlende Appetit, aber auch Armut, soziale Isolation oder der Verlust von Fähigkeiten (z.B. Einkaufen, Kochen) spielen eine Rolle. Krankheiten können außerdem ein Auslöser sein, vor allem psychische Beeinträchtigungen, wie Depressionen, Demenz und Alkoholabhängigkeit oder körperliche Leiden, wie Infektionen, Rheuma, Magen-Darm-Beschwerden, Zahnprobleme und vieles mehr. Daneben können auch einige Medikamente den Hunger beeinflussen, wie beispielsweise Zytostatika, Mittel gegen Infektionen und gegen Rheuma.
Auch manche körperliche Veränderungen des natürlichen Alterungsprozess´ können die Nahrungsaufnahme beeinflussen. Die Leistungsfähigkeit des Geruchs- und Geschmackssinns nimmt mit zunehmendem Alter stark ab. Damit fällt ein wichtiger Reiz zum Essen teilweise weg und der Spaß an der Nahrungsaufnahme sinkt. Ein weiterer Punkt ist, dass die Anpassungsfähigkeit des Magens sich verringert. Da sich der Magen nicht mehr so stark dehnen kann, erfolgt also ein schnelleres Erreichen des benötigten Magendrucks, der ein Sättigungsgefühl auslöst. Der nächste Aspekt für die geringere Verzehrmenge ist eine verstärkte Freisetzung des Sättigungshormons Cholezystokinin während der Mahlzeit.
Die genannten Punkte sollten bei älteren Menschen berücksichtigt werden, um eine Verbesserung der Nährstoffversorgung zu erreichen. Gute Möglichkeiten stellen hier eine Verstärkung von Geruch und Geschmack der Mahlzeiten, die Gabe von Nahrungssupplementen zwischendurch oder eine Medikation mit Cholezystokinin-Hemmern dar.
4) Appetit bei Krankheiten
Unser Immunsystem kann direkt und indirekt auf das Gehirn einwirken. Bei einer Krankheit kann dadurch auch eine Veränderung der Nahrungsaufnahme auftreten, die bis zur kompletten Appetitlosigkeit führen kann. Ein verminderter Hunger tritt bei allen Erkrankungen mehr oder weniger ausgeprägt auf, was vor allem bei chronischen Krankheiten ein Problem darstellt. Der Effekt kommt durch eine Beeinflussung von Hormonen und Neurotransmittern durch die Stoffe der Immunzellen zustande. Als eine wichtige Komponente wurden inzwischen die Zytokine (Botenstoffe der Abwehrzellen) identifiziert, welche unter anderem eine Freisetzung von Prostaglandinen (Botenstoffe für Schmerzen u.a.) verursachen, die den Appetit verringern.
Eine Lösung dieses Problems kann durch Medikamente erfolgen, die die Neurotransmitter oder die Rezeptoren blockieren. Eine Unterdrückung der Immunantwort ist hingegen weniger sinnvoll.
Die drei sekundären physiologischen Einflussfaktoren hängen außerdem miteinander zusammen. Zum Beispiel ist die Immunreaktion abhängig vom Geschlecht, da Östradiol die Immunantwort verstärkt während Testosteron und Progesteron sie abschwächt. Die Wirkung betrifft auch den Appetitverlust bei Krankheiten. Daneben hängt auch die Altersanorexie meist mit einer Anregung der Immunantwort zusammen. Alle Faktoren gemeinsam sind also für die Appetitregulation verantwortlich.
5) Zusammenfassung
Bei der Nahrungsaufnahme spielen auch sekundäre körperliche Faktoren eine Rolle. Geschlecht, Alter und Erkrankungen gehören, neben anderen, zu diesen Einflussgrößen.
Geschlechtsunterschiede wirken sich auf den Stoffwechsel und das Essverhalten aus, vor allem die Östrogene sind dabei sehr bedeutend. Bei weiblichen Lebewesen ändert sich somit die Nahrungszufuhr mit dem zyklischen Hormonspiegel.
Altersprozesse haben ebenfalls Einfluss auf den Appetit. Reduzierte Sinneswahrnehmungen, Magenprobleme und eine gesteigerte Cholezystokininfreisetzung vermindern die verzehrten Mengen.
Bei Krankheiten kommt es zu einer Verringerung des Hungergefühls durch die Immunantwort. Bestimmte Abwehrstoffe beeinflussen Neurotransmitter, die Hunger und Sättigung regulieren. Daher tritt oftmals ein Gewichtsverlust ein.
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Quelle:
Ernährungsforum des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit e.V.
Schriftleitung: G. Wolfram
Herausgeber: W. Druml, R. Meier, A. Weimann
„
Des Heißhungers Zähmung“ Mechanismen von Hunger und Sättigung und deren Bedeutung für die praktische Ernährung
26. und 27. Juni 2008
Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
Sonderdruck der „Aktuellen Ernährungsmedizin“
Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart – New York